Die Ortsgemeinde Wöllstein in Rheinhessen, heute Teil der Verbandsgemeinde Wöllstein im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz, erlangte während der Mainzer Republik (1792/93) besondere Bedeutung. Sie galt als jakobinische Hochburg und revolutionäres Musterdorf. In dieser Zeitwurde in Wöllstein das „Lied der Freien Wöllsteiner“ verfasst, das die demokratischen Bestrebungen der Bürgerinnen und Bürger ausdrückte. Es war ein Versuch eine neue politische Kultur, geprägt von den Ideen der Französischen Revolution, zu etablieren.
Die Mainzer Republik markiert eine kurze, aber durchaus markante Episode der deutschen Demokratiegeschichte. Französische Revolutionstruppen hatten unter General Custine im Oktober 1792 die Stadt Mainz sowie weite Teile der Pfalz und des späteren Rheinhessens eingenommen. In den besetzten Gebieten fanden erstmals so genannte "Volkswahlen" statt, bei denen neue Gemeindeverwaltungen und als „Deputierte“ bezeichnete Abgeordnete aus über 100 Gemeinden für eine verfassunggebende Versammlung gewählt wurden.
Freiheit, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit, ein freies, durch die Stimme seiner Vertreter vertretenes Volk als einziger Souverän des Staates. Bis heute sind dies grundlegende Rahmenbedingungen unserer freiheitlich-parlamentarischen repräsentativen Demokratie, und sie waren es – zumindest dem Anspruch nach – auch schon 1793 für den rheinisch-deutschen Nationalkonvent während der so genannten Mainzer Republik. Das aktive Wahlrecht stand allen über 21-jährigen selbstständigen Männern zu, war aber mit zum Teil erzwungenen Eidleistung auf Freiheit und Gleichheit verbunden. Am 17. März 1793 traten die Volksvertreter des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents, darunter prominente Persönlichkeiten wie etwa der revolutionsenthusiastische Georg Forster, erstmals im Deutschhaus in Mainz zusammen. Doch bereits im Juli 1793 fand die kurzlebige Mainzer Republik durch die Rückeroberung der Stadt Mainz durch Reichstruppen ein Ende.
Auch Wöllstein war damals Mitglied des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents und hatte einen eigenen Deputierten entsandt. Im Vergleich der Landgemeinden in Rheinhessen waren Wöllsteiner Bürger zudem in großer Zahl auch in der „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit“, dem Mainzer Jakobinerclub, vertreten. Dieses überdurchschnittliche Bekenntnis der Wöllsteiner zu den ersten demokratischen Gehversuchen und einer neuen politischen Kultur im Geiste der Französischen Revolution wurde auch von damals bekannten Freiheitsenthusiasten wahrgenommen, wie etwa von Johann Friedrich Lehne (1771 – 1836). Johann Friedrich Lehne war eine überaus vielseitige Persönlichkeit: Als Altertumsforscher und Historiker, Redakteur der Mainzer Zeitung, Bibliothekar der Stadtbibliothek, Professor der Schönen Künste, Philhellene und Gutenbergenthusiast hat er in Mainz und darüber hinaus vielfältige Spuren und ein reiches schriftliches Werk hinterlassen. Als junger Student trat er unmittelbar nach der Übergabe der Stadt Mainz an die Franzosen im Oktober 1792 dem Mainzer Jakobinerclub bei und publizierte zahlreiche Gedichte, Lieder und programmatische Schriften und Reden, in denen er seinen Enthusiasmus für die Französische Revolution und einer neuen politischen Zukunft zum Ausdruck brachte und die zu den wichtigen Zeugnissen der sog. Jakobinerschriften zählen.
Den „braven Bürgern von Wöllstein“ widmete er das „Lied der Freien Wöllsteiner“, das – geschickter weise - auf die die Melodie der Marsailleise zu singen war, die damals wohl jedem Jakobiner und Revolutionsbegeisterten geläufig gewesen und sicher hilfreich für die Verbreitung gewesen sein dürfte. Lehne brachte das Lied 1793 zum Druck mit einer entsprechenden Vorrede, in der die patriotische Gesinnung und das Engagement, der „lieben Brüder und braven Bürger von Wöllstein“ für die neue politische Zukunft als besonders vorbildlich lobte.
Die Verortung der Mainzer Republik als Teil der deutschen Demokratiegeschichte war lange und ist bis heute umstritten. Deutungsversuche reichen von euphorischer Verklärung durch die Zeitgenossen, über eine deutsch-nationale Distanzierung gegenüber dem französischen Revolutionsexport, der Vereinnahmung durch die DDR-Historiographie bis hin zur Zurückweisung jeglicher frühdemokratischer Ansätze. Die treffende Einordnung als "Französischer Revolutionsexport und Demokratieversuch" (Franz Dumont) trägt diesen grundsätzlichen Schwierigkeiten Rechnung und betont, dass Anspruch und Wirklichkeit der Mainzer Republik nur aus ihrer Zeit heraus verstanden und kaum mit den Maßstäben unseres heutigen Demokratieverständnisses gemessen werden können.
Heute erinnert in Wöllstein am Rathaus die Plakette „Ort der Demokratiegeschichte“ an die Ereignisse der Jahre 1792/93. Die demokratische Geschichte der Region wird in lokalen Museen und durch Veranstaltungen thematisiert.