Deutschhaus

Vom Balkon des Deutschhauses wurde 1793 die Mainzer Republik ausgerufen, das erste Demokratieexperiment Deutschlands. Zu deren 220. Jubiläum wurde der Platz davor in "Platz der Mainzer Republik" umbenannt. Seit 1951 dient das Gebäude dem Landtag von Rheinland-Pfalz als Arbeitsstätte.


Kaum ein Gebäude in Deutschland kann auf längere demokratische Traditionen zurückblicken als das Mainzer Deutschhaus. 1737 als Amtssitz des Erzbischofs von Mainz in seiner Funktion als Hochmeister des Deutschordens errichtet (aber niemals als solcher genutzt), war es 1792/93 das Zentrum der kurzlebigen Mainzer Republik, dem ersten modernen Demokratieversuch auf deutschem Boden.

Französische Revolutionstruppen eroberten im Oktober 1792 die Stadt Mainz sowie weite Teile der Pfalz und des späteren Rheinhessens. In den besetzten Gebieten fanden erstmals "Volkswahlen" statt, bei denen neue Gemeindeverwaltungen und eine verfassunggebende Versammlung gewählt wurden. Das aktive Wahlrecht stand allen über 21-jährigen selbstständigen Männern zu, war aber mit der Eidleistung auf Freiheit und Gleichheit verbunden. Am 17. März 1793 trat diese Versammlung, der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent erstmals im Deutschhaus zusammen. Gleich am folgenden Tag erklärte der Konvent die Abschaffung aller willkürlichen Gewalten und gründete "einen freyen, unabhängigen, unzertrennlichen Staat", dessen rechtmäßiger Souverän das freie Volk sei. Bereits im Juli 1793 wurde die Mainzer Republik durch die Rückeroberung der Stadt Mainz durch preußische und österreichische Truppen schon wieder beendet. Später residierte Napoleon im Deutschhaus. 1951 knüpfte der Landtag von Rheinland-Pfalz wieder an die parlamentarische Tradition an, als er das Deutschhaus als Arbeitsstätte wählte.

Die Verortung der Mainzer Republik als Teil der deutschen Demokratiegeschichte war lange umstritten. Deutungsversuche reichten von euphorischer Verklärung durch die Zeitgenossen, über eine deutsch-nationale Distanzierung gegenüber dem französischen Revolutionsexport, der Vereinnahmung durch die DDR-Historiographie bis hin zur Zurückweisung jeglicher frühdemokratischer Elemente. Allmählich hat sich die Deutung als "Französischer Revolutionsexport und Demokratieversuch" (Franz Dumont) durchgesetzt, wobei dieser nicht mit den Maßstäben unseres heutigen Demokratieverständnisses gemessen werden kann.  Heute ist die Mainzer Republik Teil der landes- und bundespolitischen Erinnerungskultur, und die Episode wird als Versuch der Etablierung einer neuen politischen Kultur anerkannt. Das Stadtmuseum in der Zitadelle widmet der Mainzer Republik einen Teil der Dauerausstellung. Zum 220. Jubiläum wurde der Platz vor dem Deutschhaus 2013 in "Platz der Mainzer Republik" umbenannt. Das Gebäude wurde in den vergangenen Jahren aufwendig saniert und wird ab Frühjahr 2021 wieder als Sitz des rheinland-pfälzischen Landtags dienen.

Mehr zum Thema

Hans Berkessel, Michael Matheus, Kai-Michael Sprenger (Hg.): Die Mainzer Republik und ihre Bedeutung für die parlamentarische Demokratie in Deutschland. Oppenheim: Nünnerich-Asmus-Verlag 2019.