Gemeinfrei // bereitgestellt durch: Universitätsbibliothek Würzburg

Liberaler Genossenschaftler

Hermann Schulze-Delitzsch

29.08.1808 - 29.04.1883

Als einer der führenden liberalen Köpfe des 19. Jahrhunderts bemühte sich Hermann Schulze-Delitzsch nicht nur um mehr Rechte der Partizipation und Freiheit, sondern auch um eine ökonomische Verbesserung benachteiligter Gruppen. Aus diesem Anliegen ging sein bis heute wirkmächtiges Engagement im Genossenschaftswesen hervor.


Bereits früh kam Hermann Schulze-Delitzsch in Berührung mit der „sozialen Frage“. Als preußischer Verwaltungsrichter und 1848 als Abgeordneter der preußischen Nationalversammlung wurde er immer wieder mit der Not der Kleingewerbetreibenden, aber auch anderen Teilen der Industriegesellschaft konfrontiert. Für sein Mitwirken in der Märzrevolution wurde er 1851 aus dem Verwaltungsdienst entlassen und konzentrierte sich in den folgenden Jahren auf die Mobilisierung und Organisation der Handwerker im Genossenschaftswesen. Einen ersten Zusammenschluss von Schuhmachern hatte er bereits Ende 1849 in Delitzsch initiiert.

Schulze-Delitzsch war überzeugt, dass die kleinen Handwerksbetriebe nur durch einen modernen Zusammenschluss in Genossenschaften die Konkurrenz der wachsenden Industrielandschaft überleben würden. Gleichzeitig hoffte er, dass diese Genossenschaften auch gegen drohende Arbeitslosigkeit und Finanzierungsschwierigkeiten der Handwerker helfen würden. Mit dieser Idee, die sich an vielen Stellen aus dem Prinzip der Selbsthilfe ableitete, konkurrierte er unter anderem mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der wiederum karitativ motivierte Genossenschaftsarbeit betrieb.

1861 trat Schulze-Delitzsch durch die Mitgründung der Deutschen Fortschrittspartei wieder in die Politik ein und wurde ins preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Er verband linke mit rechten Forderungen der Partei, indem er auf Volksbeteiligung und Vereinsfreiheit sowie auf das Gewerkschaftsrecht drängte. Im Verlauf der 1860er Jahre verlor er jedoch zusehends sozialpolitischen Einfluss gegenüber der Arbeiterbewegung unter Ferdinand Lassalle. Die liberalen Genossenschaften basierten auf Selbsthilfe, während Lassalle auf staatliche Unterstützung drängte. Zudem entfernten sich die Genossenschaften zusehends von ihrer Klientel und wurden immer mehr Einrichtungen des Mittelstandes.