Matthias Süßen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Upstalsboom

Aurich

Der Upstalsboom bei Aurich in Ostfriesland steht für eine frühe Tradition politischer Selbstorganisation und gilt bis heute als Symbol der „Friesischen Freiheit“ und grenzüberschreitender Zusammenarbeit.


In Friesland, einer Randregion des Fränkischen Reiches, entwickelten sich seit dem 11. Jahrhundert eigenständige politische Strukturen, organisiert in Anlehnung an mittelalterliche städtische Ratsverfassungen: kleine Einheiten mit genossenschaftlicher Ordnung, getragen von freien Bauern, gewählten Richtern und schriftlich fixierten Rechtsnormen. Diese vergleichsweise breite Beteiligung und Kontrolle politischer Macht war im Heiligen Römischen Reich ohne Parallele.

Auf einer Anhöhe bei Aurich fanden im 13. und 14. Jahrhundert freie Versammlungen der friesischen Landesgemeinden statt. Der Ort selbst, eine Begräbnisstätte bedeutender Vorfahren, verlieh den dort getroffenen Entscheidungen besondere Autorität. Am Upstalsboom wurden Gesetze ausgehandelt, Bündnisse geschlossen und politische Verständigung praktiziert. Wie repräsentativ diese Versammlungen waren, ist schwer zu beurteilen, man kann aber von einer Beteiligung verhältnismäßig breiter Bevölkerungsschichten ausgehen. Eine solche breite Machtbasis war im Alten Reich singulär.

Mit dem Übergang zu adeliger und später gräflicher Herrschaft seit dem 14. Jahrhundert verlor diese Ordnung ihre politische Grundlage, blieb jedoch als Leitvorstellung wirksam. Die „Friesische Freiheit“ wandelte sich zu einem Symbol für persönliche Freiheit und ständische Mitbestimmung innerhalb gräflicher Herrschaft und behauptete sich bis in die Neuzeit gegen absolutistische Ansprüche.

Seit dem späten 18. Jahrhundert entwickelte sich der Upstalsboom zu einem bewusst gestalteten Erinnerungsort der „Friesischen Freiheit“. 1833 ließen die ostfriesischen Landstände eine schlichte Pyramide aus Feldsteinen errichten, die bis heute das Zentrum der Anlage bildet. Eine später angelegte Buchenallee sowie eine 1894 angebrachte Granittafel unterstreichen die historische Deutung des Ortes als Versammlungsstätte der Vorfahren. Der Upstalsboom wurde damit zu einem sichtbaren Bezugspunkt regionaler Identität und historischer Selbstvergewisserung.

Seit dem 19. Jahrhundert lebten zudem die Verbindungen zwischen den Friesen in Deutschland und den Niederlanden wieder auf. In den 1920er Jahren fanden erste gemeinsame „Friesenkongressee“ statt, 1930 wurde ein „Friesenrat“ als grenzüberschreitendes Gremium gegründet. Diese Ansätze wurden in der Zeit des Nationalsozialismus politisch instrumentalisiert und belastet; zugleich bestanden Pläne, den Upstalsboom zu einer propagandistischen Veranstaltungsstätte umzugestalten, die jedoch nicht umgesetzt wurden.

Nach 1945 eröffnete sich die Möglichkeit, an die historischen Traditionen neu anzuknüpfen und den Ort bewusst demokratisch zu deuten. 1951 kamen erstmals wieder niederländische Friesen nach Ostfriesland; in Anknüpfung an die mittelalterlichen Versammlungen wurde die Zusammenarbeit erneuert und ausdrücklich an ein gemeinsames Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie gebunden. Seit 1952 finden regelmäßig interfriesische Kongresse statt, 1956 wurde der Friesenrat neu gegründet (seit 1999: „Interfriesischer Rat“). Mit dem 1955 am Upstalsboom verkündeten „Friesischen Manifest“ formulierten Vertreterinnen und Vertreter aller drei Frieslande zudem ein gemeinsames politisches Selbstverständnis, das Freiheit, Zusammenarbeit und die Orientierung auf ein geeintes Europa betonte.

Heute ist der Upstalsboom ein Gedenk- und Begegnungsort, an dem historische Erinnerung, demokratische Tradition und grenzüberschreitende Zusammenarbeit sichtbar zusammengeführt werden.

Bilder

Adresse

Friesische Freiheit
26605 Aurich

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Thomas Steensen (Hrsg.): Die Frieslande. Mit Beiträgen von Piet Hemminga, Hajo van Lengen und Thomas Steensen. Hrsg. im Auftrag des Interfriesischen Rates, Bräist/Bredstedt 2006.