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Sozialdemokratisches Engagement für Arbeiternehmerrechte

Emma Ihrer und Carl Legien

3.1.1857-8.1.1911 und 1.12.1861-26.12.1920

Emma Ihrer und Carl Legien hatten entscheidenden Anteil daran, dass sich die sozialdemokratische Bewegung, besonders die Gewerkschaften, innerhalb weniger Jahrzehnte organisierte und professionalisierte. In ihren jeweiligen Bezugsgruppen mobilisierten sie sowohl für die politische Einbindung von Frauen als auch für Arbeitnehmerrechte.


Emma Ihrer wurde 1857 in eine Arbeiterfamilie im damals preußischen Glatz geboren, sie selbst erlernte den Beruf der Hutmacherin. Nachdem sie mit ihrem Mann Emanuel Ihrer nach Berlin gezogen war, begann sie in den frühen 1880er Jahren mit ihrer politischen Tätigkeit. Früh erkannte sie, dass die bürgerliche Frauenbewegung nur in Maßen auf die Interessen der Arbeiterinnen einging. Darüber gründete sie verschiedene Vereine für Handwerkerinnen und Arbeiterinnen und unterstützte so die proletarische Frauenbewegung. In der Periode der Sozialistengesetze wurde sie daher von der Berliner Polizei als „sozialistische Agitatorin“ beobachtet, zeitweilig verhaftet und mit Vereinsverboten belegt. Erst nach einer Audienz beim preußischen Innenminister 1890 konnte sie ihr Engagement frei ausüben. Im gleichen Jahr wurde sie als erste Frau in die Generalkommission der Gewerkschaften gewählt, daneben gab sie ab Ende 1890 die erste sozialdemokratische Frauenzeitschrift Die Arbeiterin heraus, die später unter dem Titel Die Gleichheit erschien.

In der Generalkommission der Gewerkschaften lernte sie den Vorsitzenden dieses Dachverbands, Carl Legien kennen. Früh verwaist, wuchs Legien unter schwierigen Umständen auf und strebte früh die Verbesserung der eigenen Lebensumstände durch Bildung an. Gleichzeitig blieb die Erfahrung existenzieller Nöte zeitlebens auch ein Antrieb, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Nach seinem Eintritt in die SPD 1885 und dem Gewerkschaftsbeitritt ein Jahr später legte er eine steile Karriere in der Gewerkschaftsbewegung hin. Nach ihrem Kennenlernen arbeiteten Emma Ihrer und Carl Legien in der Gewerkschaftsbewegung eng zusammen; zudem lebten sie auch seit 1907 bis zu Ihrers Tod als Paar.

Carl Legien gehörte neben seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit ab 1893 auch als Abgeordneter dem Deutschen Reichstag an. Gemeinsam mit Ihrer bemühte er sich zudem um den internationalen Austausch mit anderen Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften. Gleichzeitig zeigte sich während des Ersten Weltkriegs, dass Legien durchaus nationalistisch und, mit Blick auf eine drohende Revolution, reformorientiert dachte. Er suchte den Kontakt zu anderen Arbeitnehmerverbänden und stellte sich im März 1920 mit einem Generalstreik auf Seiten der Republik. Sein wichtigstes Vermächtnis stellte schließlich die Akzeptanz der Gewerkschaften als anerkannte Vertreter der Arbeiternehmer dar: Mit dem sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen, das Carl Legien als Führer der Gewerkschaften mit den Arbeitgeberverbänden um Hugo Stinnes im November 1918 aushandelte, wurden die Gewerkschaften als gleichwertige Verhandlungspartner akzeptiert und wichtige Reformen wie der Acht-Stunden-Tag und die Einführung von Betriebsräten auf den Weg gebracht.