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Emanzipation durch Wohlfahrt und Bildung

Bertha Pappenheim

27.2.1859 - 28.5.1936

Bertha Pappenheim gilt als wichtige Wegbereiterin der deutschen Frauenbewegung, die in ihrem breiten Engagement der Fürsorge die Emanzipation der Frau mit der Umsetzung jüdisch geprägter Wohlfahrtspflege verband. Heute ist Pappenheim daneben auch als Sigmund Freuds berühmte Patientin "Anna O." in Erinnerung geblieben.


Aus ihrer Jugend lässt sich rekonstruieren, dass Bertha Pappenheim in einem großbürgerlichen jüdisch-orthodoxen Haushalt früh die Benachteiligung als Mädchen erfuhr. Anders als ihr Bruder durfte sie zwar eine katholische Schule für Mädchen besuchen, wurde aber auf ein Leben als Ehefrau durch Handarbeitsunterricht und musische Bildung wie Klavierspiel und Fremdsprachen vorbereitet. Um 1880 befand sie sich in psychiatrischer Behandlung bei dem Arzt Josef Breuer; für Breuers Kollegen Sigmund Freud wurde dieser Fall zum Ausgangspunkt seiner Psychoanalyse in der Beschreibung seiner Patientin „Anna O.“. Offen blieb allerdings der Erfolg von Breuers Behandlung – Pappenheim würde in den folgenden Jahren weiter Sanatorien besuchen, bevor sie 1889 nach Frankfurt zog. Hier begann ihr eigentliches Engagement als Fürsorgerin. 1895 übernahm sie die Leitung des jüdischen Mädchenwaisenhauses und gründete mehrere Wohlfahrtsvereine. 1904 folgte schließlich die Gründung des Jüdischen Frauenbundes.

Bis heute lässt sich Pappenheims Wirken ambivalent betrachten: Zum einen wollte sie mit ihrer Fürsorge eine Stärkung des jüdischen Glaubens auch in Abgrenzung erreichen, da sie die zunehmende Assimilation vieler deutscher Juden kritisch betrachtete und auf die Nöte der Industrialisierung zurückführte. Zum anderen glaubte sie, aus der eigenen Erfahrung, an mehr individuelle Selbstbestimmung und die Notwendigkeit der Gleichstellung der Frauen gegenüber den Männern, auch im jüdischen Glauben. Politisch blieb sie damit zwar meist auf die Anliegen der jüdischen Bevölkerung beschränkt, etwa in der Bekämpfung des Mädchenhandels und der Prostitution oder in ihren Fürsorgeeinrichtungen in Frankfurt und Umgebung, sie ermöglichte damit jedoch eine breite Emanzipationsbewegung.