Ullstein Bild

Liberaler Intellektueller der Bundesrepublik

Ralf Dahrendorf

1.5.1929 - 17.6.2009

Der deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf gehörte zu den einflussreichsten Intellektuellen der alten Bundesrepublik. In seinen Schriften (u.a. "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland", 1965) warnte er die Deutschen vor harmonistischen Gemeinschaftsideologien, stattdessen stand für ihn der geregelte soziale Konflikt als Merkmal moderner demokratischer Gesellschaften im Mittelpunkt. Dahrendorf definierte Bildung als Bürgerrecht und trat mit Nachdruck für den Schutz liberaler Grundwerte ein.


In Hamburg geboren, wuchs Ralf Dahrendorf im sozialdemokratischen Milieu Berlins als Sohn des Gewerkschaftsfunktionärs Gustav Dahrendorf auf. Wie sein Vater stellte sich Ralf Dahrendorf gegen die Nationalsozialisten; bereits als 15-Jähriger verteilte er illegale Flugschriften. Kurz nachdem sein Vater im Zuge der Verhaftungswelle des 20. Juli 1944 festgenommen wurde, flogen auch Ralf Dahrendorfs Aktivitäten auf und er wurde im Lager Schwetig, einem Arbeitserziehungslager der Gestapo, interniert. Beide überlebten die Gefangenschaft. Nach dem Krieg studierte Dahrendorf Philosophie und Klassische Philologie in Hamburg. Im Anschluss an seine erste Promotion über Karl Marx studierte er von 1952 bis 1954 an der London School of Economics Soziologie und schloss dieses Fach 1956 mit einer britischen Dissertation ab. Mit gerade einmal 29 Jahren wurde Dahrendorf Professor an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg.

Während er in den folgenden Jahrzehnten an verschiedenen Universitäten der Bundesrepublik lehrte, engagierte sich Dahrendorf immer mehr politisch. 1967 trat er in die FDP ein und zog ein Jahr später über die Landesliste in den Landtag Baden-Württembergs ein, nur um dieses Mandat kurz darauf für einen Sitz im Bundestag niederzulegen. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits als politischer Intellektueller der Öffentlichkeit bekannt. Mit seinen Schriften Gesellschaft und Demokratie in Deutschland und Bildung ist Bürgerrecht, beide 1965 erschienen, stieß er eine Debatte zu Grundrechten wie -pflichten einer demokratischen Gemeinschaft an. Seine Zeit als Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt währte zwar nur kurz, Dahrendorf beschäftigte sich aber weiterhin akademisch und publizistisch zu Fragen der liberal-demokratischen Ordnung. Bereits 1974 war er als Direktor an die London School of Economics zurückgekehrt, später übersiedelte er ganz nach Großbritannien und meldete sich auch von dort immer wieder kommentierend zu Wort. 1993 erhob ihn die britische Queen schließlich in den Adelsstand eines Barons, damit saß Dahrendorf bis zu seinem Lebensende im britischen Oberhaus (House of Lords).