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Wegbereiterin der Hortbetreuung & der paritätischen Wohlfahrt

Anna von Gierke

14.3.1874 - 3.4.1943

Als bürgerlich-konservative Wohlfahrtspflegerin etablierte Anna von Gierke ein ganzheitliches Prinzip der Kinderversorgung für sozial benachteiligte Kinder. Ihre eigene politische Arbeit war dabei immer wieder durch Diskriminierung betroffen, ihr unermüdliches Eintreten über die Vereins- und Verbandsarbeit zeigt aber auch, welche demokratischen Handlungsspielräume sich Frauen erkämpfen konnten.


Aus ihrem Bildungshintergrund und ihrem bürgerlichen Elternhaus zog Anna von Gierke Zeit ihres Lebens viel Schaffenskraft. Ihr Vater Otto von Gierke lehrte als Rechtsprofessor an der Berliner Universität, über ihre Mutter Lilli geb. Loening hielt sie zudem wichtige Kontakte zum jüdischen Bürgertum Frankfurts. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete Anna von Gierke in der Kindertagesstätte von Hedwig Heyl, einer einflussreichen Berliner Fürsorgerin, die die Betreuung für Arbeiterkinder eingerichtet hatte. Während sie sich selbst im Schulwesen weiterbildete und die Leitung des Hauses übernahm, wurde von Gierke bald auch von der Berliner Stadtverwaltung für ihre Erfahrungen im Fürsorgewesen angefragt. Für ihre eigenen Gründungen verfolgte sie bald ein ganzheitliches Konzept: In einem bereitgestellten mehrgeschossigen Gebäude wurden Speisungen angeboten; die Betreuung von Kinder arbeitender Eltern wurde eingerichtet; daneben fanden sich Aufenthaltsräume, Werkstätten, Krippen, Kindergärten alles unter einem Dach. Das Konzept des Horts war geboren.

Anna von Gierke bot nun Weiterbildungen und didaktische Schriften an, um ihre soziale Arbeit als Modell weiterzuverbreiten. Während des Ersten Weltkriegs unterstützte sie die preußische Regierung als Sachverständige im Ausbau des Hortwesens, da nun viele Mütter zur Arbeit in der Kriegsproduktion eingesetzt wurden. Kurz darauf ging sie auch in die Politik: 1918 trat sie erfolgreich für die von ihr mitbegründete Deutschnationale Volkspartei (DNVP) in der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung an. 1920 wurde sie jedoch aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht erneut von ihrer Partei aufgestellt. Ihr Vater, ebenfalls Mitbegründer der DNVP, verließ die Partei darauf; ihr Versuch zur Wiederwahl über eine „Parteilose Frauenliste“ misslang. Daraufhin verlagerte sie ihre politische Arbeit auf das Vereins- und Verbandswesen, aus ihrem Bemühen um eine gesamtdeutsche Wohlfahrtseinrichtung entwickelte sich später der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband. Ihre soziale Jugendarbeit setzte sie zudem durch die Gründung des Landjugendheims Finkenkrug fort. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde von Gierke jedoch von all ihren Ämtern enthoben. Nun engagierte sie sich in der Bekennenden Kirche; in ihrem Haus in Berlin-Charlottenburg trafen sich politisch Verfolgte und Oppositionelle wie Martin Niemöller, Hermann Maas, Marie Baum oder das Ehepaar Theodor Heuss und Elly Heuss-Knapp.