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Christlich-soziale Visionen für einen erneuerten Liberalismus

Friedrich Naumann

25.3.1860 - 24.8.1919

Der evangelische Pfarrer Friedrich Naumann begründete mit seiner Idee eines sozialen Liberalismus eine moderne Alternative zwischen klassischem Liberalismus und Sozialdemokratie und ermöglichte damit eine breite liberale Sammelbewegung im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg. In seiner Programmatik verbanden sich dabei Aufbruchsmomente von politischer Teilhabe, Sozialstaat und Gleichberechtigung mit Elementen eines wilhelminischen, imperialen Deutschlands.


Friedrich Naumann wuchs zunächst in einem konservativ-lutherischen Umfeld im ländlichen Sachsen auf. Als sein Vater, der Pfarrer war, auf eine Stelle in eine frühindustriell geprägte Gemeinde nahe Zwickau berufen wurde, kam der Sohn erstmals mit der Lebenswelt der Arbeiter und der „sozialen Frage“ in Berührung. Friedrich Naumann trat selbst in die Laufbahn eines Pfarrers ein und übertrug bald Bemühungen um eine neue christlich-soziale Ethik auf politische und gesellschaftliche Zusammenhänge: Mit der Gründung des Nationalsozialen Vereins 1896 hoffte er, verschiedene Bewegungen und Zeitströmungen zu einer Sammelbewegung jenseits der etablierten Parteienlandschaftt bündeln zu können. Er beobachtete zu dieser Zeit die Krise der liberalen Bewegung, die sich in verschiedene Lager gespalten hatte. Nach Aufgabe seines Pfarramtes 1897 widmete sich Naumann ganz der Publizistik und Politik und begründete mit seiner Idee eines sozialen Liberalismus eine neue Programmatik, die nicht nur ein geschlossenes politisches Auftreten ermöglichen, sondern auch in der Annäherung zur bürgerlichen Sozialdemokratie neue Wähler gewinnen sollte. Ziel war langfristig eine parlamentarische Monarchie. Sein Programm sozialliberaler Reformen wandte sich auch dezidiert an Frauen, ging aber auch einher mit Flottenrüstung und Kolonialismus. Für sein Konzept, das er in vielen Schriften und seiner Zeitschrift Die Hilfe verbreitete, mobilisierte er gerade auch jüngere Unterstützer.

1903 ging der wenig erfolgreiche Nationalsoziale Verein in der Freisinnigen Vereinigung auf, für die Naumann ab 1907 im Reichstag saß. 1910 wiederum wurde die Freisinnige Vereinigung Teil eines Bündnisses linksliberaler Parteien, der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP). Im Ersten Weltkrieg entwarf Naumann in Abkehr seiner bisherigen imperialen außenpolitischen Linie mit „Mitteleuropa“ ein vergleichsweise moderates Kriegsziel für Deutschland, das einen vertieften Zusammenschluss der Deutschen mit ihren Verbündeten vorsah. An der Rolle Deutschlands als Weltmacht hielt er dabei fest, warnte aber davor, dies durch Unterwerfung anderer Völker und Nationen herbeizuführen. 1918 gründete er mit linksliberalen Mitstreitern die Deutsche Demokratische Partei (DDP), verstarb jedoch, gerade zum Vorsitzenden gewählt, bereits ein dreiviertel Jahr später überraschend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Naumann nicht nur durch seine Schriften und politische Arbeit, sondern auch durch die Gründung von Verbänden und Einrichtungen wie der 1918 eingerichteten Staatsbürgerschule grundlegende Arbeit für die Demokratisierung weiterer Bevölkerungsschichten geleistet. Bleibenden Verdienst hatte er auch mit seiner Mitwirkung in der Weimarer Nationalversammlung an der rechtlichen Neuordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat, die später vom Grundgesetz unverändert übernommen wurde.

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